Ich bin nicht schuld - Joker

Man kann darüber streiten, ob ich eine Mitschuld an meiner Erkrankung trage oder nicht, denn letztendlich weiß niemand was die Krankheit ausgelöst hat. Können wir also unter Pech gehabt abhaken. Pech, dass mir mein ganzes Leben genommen hat, also zu mindestens meine Karriere und fast mein gesamtes soziales Umfeld. Seitdem heißt es Aufbauarbeit leisten, immer ein Schritt nach dem anderem, auf die Fresse fliegen, wieder aufstehen und weitermachen. Was ich jedoch in letzter Zeit bemerkt habe ist, dass ich für die meisten meiner Mitmenschen jetzt niemals Schuld bin. Verhalte ich mich seltsam, schwächel ich bei der Arbeit, vernachlässige ich mein Aussehen oder habe ich Übergewicht, alles nicht meine Schuld. Das ist die Krankheit, nicht meine Schwäche. Obwohl irgendwie doch denn die Krankheit ist meine größte Schwäche. Verführerisch sich in diesen Stuhl rein zusetzen und nur noch Mist zu machen. Oder gar nichts. Ich bin ja nicht schuld. Aber es wäre eine Lüge, das weiß ich, alle würden sie mir meine Lüge glauben, denn ich habe ja diese Diagnose. Das ist sicher nett gemeint von meinen Mitmenschen, sie wollen mich schützen, entschuldigen mich. Aber so ein Verhalten lädt zum Müßiggang ein. Warum kämpfst du denn Nadine? Du musst doch nichts machen, keiner wird es dir übel nehmen, du bist nicht schuld. Schön zu wissen, dass seit der Krankheit niemand mehr irgendwas von mir erwartet. Das macht auch frei, sehr frei, wäre da nicht mein Kopf der es besser weiß. Scheiß darauf, dann mache ich jetzt halt ohne Cheerleader weiter, es ist doch am schönsten etwas zu erreichen, wenn es keiner von einem erwartet hat. Nein ich werde den Joker nicht annehmen, den „Ich bin nicht schuld“- Joker.
iGing - 25. Feb, 21:35

Du nötigst einem einfach Respekt ab - um nicht zu sagen:
Du machst das einfach großartig, Nadine!

NBerlin - 26. Feb, 09:13

Dankeschön, so großartig finde ich das alles gar nicht, aber es wird weiter gemacht.
C. Araxe - 25. Feb, 21:42

Eben, es gibt keine eindeutige Schuldzuweisung, für die Sie selbst verantwortlich sind – dazu ist das aus meiner Sicht zu kompliziert, was da alles reinspielt. Aber es gibt jetzt inzwischen den Punkt, wo Sie selbst Verantwortung übernehmen können. Monsterkräfte hierfür.

NBerlin - 26. Feb, 09:15

Darauf bin ich auch scharf, selbstverantwortlich leben, das ist der Grund zu kämpfen und die anderen zu ignorieren.
bonanzaMARGOT - 26. Feb, 05:24

in meinen augen bist du viel zu normal, als dass ich diese diagnose im vordergrund sehe. also ich würde nicht alles mit deiner krankheit entschuldigen.
ich finde es toll, dass du dich immer mehr von deiner krankheit löst..., hoffentlich aber nicht mit dem ziel, wieder den status von vor dem ausbruch der erkrankung zu erreichen.
du bist jetzt gewisserweise eine andere nadine.

NBerlin - 26. Feb, 09:18

Ich fühle mich auch gesund derzeit, aber man weiß bei meiner Krankheit nie ob und wann sie zurück kommt. Als wichtigster Auslöser gilt Stress, darauf kann man sich aber auch ausruhen. Das mit der anderen Nadine gefällt mir nur teilweise.
bonanzaMARGOT - 26. Feb, 10:00

Verstehe ich - drum schrieb ich "gewissermaßen".
NBerlin - 26. Feb, 10:02

Du hast schon recht, es ist so, nicht nur gewissermaßen. Zum Glück sind auch einige unangenehme Eigenschaften von mir verschwunden.
steppenhund - 26. Feb, 11:00

über "Schuld"

Eines der schönsten Gedichte über Schuld, ein Thema, was jeden intelligenten Menschen beschäftigt, findet sich bei Goethe:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
wer nie die kummervollen Nächte
auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
ihr laßt den Armen schuldig werden,
dann überlaßt ihr ihn der Pein:
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Bitte lies meine untenstehenden Zeilen nicht als Vorwurf oder Kritik, sondern eher als allgemeine Betrachtung. Daher fange ich bei mir selbst an:
Dass ich momentan auf Krücken humpele, ist meine eigene Schuld. Ich hatte 128 kg, als ich vom Rad abstieg und mir das Becken brach. Sicher wäre der Unfall (ganz ohne Fremdeinwirkung) nicht so gravierend ausgefallen, wenn ich damals schon 20 kg weniger gewogen hätte. Dass das Übergewicht auch dazu führt, dass ich Medikamente gegen Überdruck nehmen muss, ist eine weitere Begleiterscheinung.
Die Schuld besteht darin, dass ich DUMM war. Ich hatte alle notwendigen Daten zur Hand, aber ich ignorierte sie. So wie vor Jahren ein Unfallchirurg, selbst nach Abnahme eines Beines so stark weiterrauchte, bis das andere Bein auch noch dran war und er kurz darauf verstarb. So wie unzählige Ärzte, darunter auch Lungenfachärzte wie z.B. meine Schwester rauchen oder geraucht haben, und dabei ignorieren, dass das Lungenkrebsrisiko erheblich ansteigt.
Die Kausalität ist nicht immer gegeben. Es gibt Menschen wie meine Schwiegermutter, die alles getan hat, um gesund und geistig fit zu bleiben. Doch in ihren letzten Jahren wurde sie zunehmend dement, was für sie selbst ganz schrecklich war, weil sie es teilweise selbst mitbekommen hat.

Jetzt zu dir. Deine Schuld scheint ebenfalls die Folge einer Dummheit zu sein. Warum schreibe ich das so brutal? Ich kann mich erinnern, dass Du mir vor Jahren einmal ganz bös auf einen Kommentar von mir geschrieben hast. Darin hatte ich mich gewundert, dass mittlerweile Burnout-Syndrome von ganz jungen Menschen für mich unverständlich wären. Du hast das als unsinnig erachtet und dich sogar mehr oder weniger als Gegenbeispiel zitiert. Ich folgere daraus, dass Du damals schon gewusst hast, dass etwas nicht stimmt, dass Du in einer bestimmten Form überlastet warst. Du hast die Anzeichen ignoriert. Aus einer Fallgeschichte habe ich erfahren, dass ein vom Burnout befallener Kandidat sich selbst eingewiesen hat und gerade noch von seinen Suizidabsichten geheilt werden konnte.
Allerdings war er danach arbeitsunfähig. Absolut arbeitsunfähig. Und der Mann war in gleicher Managerstellung wie ich gewesen. Als ich das damals hörte, ging ich sofort zu meiner Hausärztin.
Die Art, wie Du damals die Möglichkeit eines Burnout bei jungen Menschen verteidigt hast, legt nahe, dass Du selber bereits stark gefährdet warst. Du hast aber die Warnzeichen nicht ernst genommen. Das war DUMM. Es ist allerdings eine Dummheit, die wir alle teilen. ALLE! "Das passiert anderen, aber nicht mir."

Aber natürlich hat das nichts damit zu tun, wie Du dich heute fühlst. Und Schuldgefühle sind am allerwenigsten angebracht. Für die hast Du ja schon gebüßt und tust es teilweise anscheinend noch immer. Freu dich, dass Du ins Leben zurückgefunden hast. Das schaffen nicht alle, weitaus nicht alle.
Das mit dem Übergewicht könnte mit Schuld zu tun haben. Aber das traue ich mich nur zu sagen, weil ich selbst momentan noch immer zu viel habe. Mindestens 15kg muss ich noch abnehmen. Dann wäre ich nur mehr "zu schwer" und nicht adipös :)

NBerlin - 26. Feb, 17:23

Lieber Steppenhund, danke für deinen langen und ausführlichen Kommentar. Du liegst richtig mit deiner Vermutung von Burnout und Dummheit. Ich hatte in der Tat schon 2005 im Studium eine Krise, heute würde ich es als Burnout bezeichnen. Nur damals war der Begriff Burnout noch nicht geläufig und ich hatte keine Ahnung warum ich plötzlich nicht mehr weiter machen konnte. Damals versuchte ich auch eine Therapie und ich denke heute, dass ich bereits bei der Therapie meine ersten Wahnvorstellungen hatte. Ich brach die Therapie jedoch ab und wusselte mich nach einem halben Jahr Auszeit zurück ins Leben. Die folgenden Jahre waren ruhiger und stressarmer und mir ging es gut. Doch dann begann ich bei einem Startup zu arbeiten, viel Stress bei beschissener Bezahlung hielt ich Jahre aus, dann folgte kein Burnout mehr, sondern eine Psychose. Hätte ich damals bereits auf die ersten Warnzeichen gehört, hätte ich eine Psychose vielleicht verhindern können. Zum Gewicht, obwohl ich mal Leistungssportlerin war fingen die zusätzlichen Pfunde bereits als Teenager an. Aber mir ging es immer gut und ich fühlte mich zwar immer dick, war es aber nicht wirklich. Der Diätenjojo machte es über die Jahre schlimmer, aber richtig schlimm wurde es erst, nachdem ich gezwungen wurde meine Medikamente zu nehmen. Die Medikamente wirken Appetit steigernd und machen gleichzeitig müde, das kostete mich weitere 30 Kilo mehr auf den Rippen. Dagegen anzukommen ist schwierig, obwohl ich als ehemalige Sportlerin eigentlich genau weiß wie man sich ernährt und bewegt. Aber immerhin habe ich die letzten 2 Jahre nicht mehr zugenommen, trotz der Medikamente. Das ist ein Trostpreis ich weiß, aber solange die Gesundheit noch mitspielt kann ich damit leben. Aber immerhin durch die zweite Krise habe ich gelernt und bin jetzt nicht mehr so dumm mich übermäßig zu belasten, die alte Nadine will immer noch höher, schneller, weiter, aber die neue Nadine weiß, dass sie verletzlich ist und ruft sehr oft Ruhe in den Raum.
iGing - 26. Feb, 16:18

Diesen Beitrag mitsamt Kommentaren hab ich mir nun mal abgespeichert; den/die will ich gerne "behalten". Zum Weiterverschenken geeignet!

bonanzaMARGOT - 27. Feb, 05:37

passe ich beim überqueren einer straße nicht auf, laufe ich gefahr, überfahren zu werden. heute laufen viele mit diesen stöpseln in den ohren herum... da sind sie automatisch unaufmerksamer. und so gibt es noch tausend beispiele für dummheit und selbstverschuldete misere. trinke ich über jahrzehnte zu viel, muss ich mich über eine leberzirrhose nicht wundern, bin ich starker raucher, kriege ich eine chronische bronchitis oder schlimmeres... wir machen dies alles trotz besseren wissens. trotzdem behaupte ich, dass sich auch in zukunft daran nichts ändern wird. wir menschen sind außerordentlich gern dumm - was wir freilich abstreiten. das leugnen gehört eben auch zur dummheit.
vielleicht ändert der ein oder andere nach einem schockerlebnis oder nach schwerer krankheit (gezwungenermaßen) sein verhalten. es ist schön, wenn man noch mal die kurve kriegt. uff! - allerdings bin ich sicher, dass schon die nächste lebensdummheit auf uns wartet. einige ganz wenige mögen im alter weise werden, gefeit gegen fast jegliche art von dummheit. die weisen sind (bewusst) sparsam im aussprechen von worten wie "schuld" oder "dummheit". sie sehen den menschen, wie er ist. sie kennen die innere zerrissenheit, die inkonsequenz, die selbstlügen, die menschliche ambivalenz. die weisen werden auch mit ratschlägen sehr sparsam sein und vorwürfe ganz vermeiden. sie hören wohlwollend zu und sind gnädig in ihren aussagen. es kann nur darum gehen, dass wir unser schicksal (er)tragen, mit uns dabei nicht zu hart ins gericht gehen - ein jeder auf seinem weg. mit etwas glück kommen wir zwischendurch zu echten einsichten.

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