Egoismus

Gestern Abend noch sehr lange unterhalten. Geweint, gestritten und mich selbst dabei erwischt Vorurteile zu haben. Das sitzt jetzt noch tief und macht mich irgendwie melancholisch. Trotzdem gut geschlafen, aber jetzt bin ich etwas matt. Erstmal Gedanken sortieren und Eindrücke korrigieren. Trinke Kaffee und mir wird mal wieder klar, wie privilegiert ich bin, das macht mich aber nicht fröhlich, sondern eher unangenehm berührt. Auch andere Menschen müssen kämpfen, vielleicht sogar mehr als ich es getan habe. Ich bin zu streng mit meinen Mitmenschen und urteile zu schnell ohne die wahre Geschichte zu kennen. Jetzt bin ich schlauer, aber die Fröhlichkeit darüber bleibt aus. Ich kämpfe dann mal mit, für ihn, nicht für mich. Denn was man liebt muss man los lassen, alles andere ist Egoismus.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 11:39

eine gute portion egoismus ist fürs überleben notwendig.
welche vorurteile hast du bei dir entdeckt?

NBerlin - 4. Mrz, 11:44

Ach ich dachte er wolle nicht arbeiten und wäre einfach zu faul. Dabei schreibt er seit über einer Woche täglich Bewerbungen, das wusste ich aber nicht. Konnte mir einfach nicht vorstellen dass jemand viele Bewerbungen schreibt und nichts findet, bei mir haben immer 5-7 Bewerbungen gereicht und ich hatte 1-2 Zusagen.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 11:48

bei bewerbungen kommt es stark auf die form an. in der schule hatten wir darum bewerbungstraining, was mir (glaube ich) wirklich bei meinen letzten bewerbungen half.
weiß denn dein "freund", wie er sich richtig zu bewerben hat? achtet er auf alles?
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 11:50

manchmal ist es besser, man wird gleich persönlich vorstellig (z.b. telefonisch termin vereinbaren)... und reicht die bewerbungsunterlagen nach.
NBerlin - 4. Mrz, 11:57

Keine Ahnung ob er das weiß, habe erst einen seiner Bewerbungstexte gelesen und noch nie eine komplette Bewerbung von ihm gesehen. Ich denke ein Problem ist dass er sich auf Englisch bewirbt und keine deutschen Schulabschlüsse hat. Werde ihm das mit dem persönlich vorstellen mal vorschlagen und habe jetzt auch vor einen Nachbarn/Arbeitgeber aus Kreuzberg um Hilfe zu bitten.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 12:04

als was bewirbt er sich denn?
NBerlin - 4. Mrz, 12:16

Das weiß ich nicht, aber ich denke auf alles. Hauptsache Arbeit.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 12:20

ist er europäer, oder hat er eine eingeschränkte aufenthaltsgenehmigung?
NBerlin - 4. Mrz, 12:26

Ja Europäer, aber auch da gilt in Deutschland erstmal nur eine Aufenthaltsgenehmigung zur Arbeitssuche, es sei denn er hat ein Jahr hier gearbeitet. Er verfehtl das Jahr Arbeit jedoch um ein paar Monate und deswegen kriegt er kein Geld mehr vom Jobcenter. Habe gestern viel gelesen über das deutsche Ausländergesetz, das jedoch den europäischen Gesetzen wiederspricht. Da die europäischen Gesetze jedoch über den deutschen Gesetzen stehen gibt es vielleicht eine Chance mit der Argumentation "Anti-Diskrimierung", denn das deutsche SGBII Gesetz diskrimiert europäische Ausländer.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 12:31

ja, alles ist scheiß kompliziert und anstrengend... ich wünsche ihm (euch) viel glück!
NBerlin - 4. Mrz, 12:35

Danke, aktuell sitzen wir an einer Klage beim Sozialgericht, der einzige Weg die europäischen Gesetze in Deutschland durchzusetzen. Keine Ahnung warum Deutschland Gesetze macht die den europäischen Gesetzen widersprechen und warum man dann klagen muss um das höhere Gesetz durchzusetzen.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 12:37

einiges hier ist ziemlich irre...
NBerlin - 4. Mrz, 12:40

Ja irre und besonders für einen Ausländer allein nicht zu schaffen.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 12:43

wenn du allerdings die vielen ausländer (aus aller herren länder) in berlin tagtäglich siehst (ich meine nicht die touristen), wenn du die vielen bars, kneipen, cafés, restaurants und anderen geschäfte, die von ausländern betrieben werden, betrachtest, scheint es doch nicht unmöglich zu sein, hier in berlin als ausländer fuß zu fassen.
ein beispiel dafür ist auch meine partnerin...
NBerlin - 4. Mrz, 12:53

Ich denke ja auch das es möglich ist, aber es ist halt ein Kampf. Meine Erfahrung aus Kreuzberg/Neukölln ist dass sich dort viele Ausländer selbstständig machen, weil sie sonst keinen Job finden im deutschen System. Denke deine Partnerin ist besser ausgebildet und spricht besser Deutsch als mein Fall, klar stehen da die Chancen besser.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 13:00

stimmt. es war trotzdem ziemlich nervig - die unsicherheit und das ganze behördengerenne. aber sie hat nie aufgegeben und wurde belohnt... als russin in der heutigen politischen lage macht man sich ausserdem sorgen (von wegen diskrimenierung).
ein sprachkurs wäre für deinen freund wichtig, wenn er länger hier bleiben will. es wird ja sogar vom jobcenter eine sprachqualifikation verlangt... und die wird dann (unter umständen) auch bezahlt. aber alles bezahlen hat freilich seine grenzen...
warum ist dein freund eigentlich hier?
NBerlin - 4. Mrz, 13:09

Die Sache mit dem Sprachkurs bricht ihm ja gerade das Genick. Denn obwohl das Jobcenter wusste dass er nur einen Anspruch auf 6 Monate HartzIV hat, haben sie ihn in einen Sprachkurs geschickt der 8 Monate dauert und ihm gesagt er müsste sich in der Zeit nicht bewerben. Jetzt haben sie ihm die Leistungen gestrichen, er kann seinen Sprachkurs nicht beenden und er steht mittelos da. Verstehe nicht wie man jemanden zu einen Sprachkurs verpflichten kann und diesen auch bezahlt, wenn man schon weiß dass er dann in 6 Monaten auf der Straße steht. Er will hier leben und arbeiten, eigentlich träumte er auch von einer Ausbildung in Deutschland, aber die ist jetzt in weite Ferne gerückt. Kann ich mir vorstellen dass das schwierig war für deine Freundin, aber sie hat es geschafft.
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 13:14

dein freund wird es auch schaffen, wenn er sich nicht entmutigen lässt.
diese sache mit dem jobcenter ist unmöglich... da sollte man mal nachhaken. ich kann mir nicht vorstellen, dass da alles mit rechten dingen zuging. möglicherweise wegen der verständigungsprobleme...
ich drücke euch die daumen!
NBerlin - 4. Mrz, 13:21

Ja glaube auch daran, sonst würde ich nicht mitkämpfen. Ich denke ein Jobberater vom Jobcenter sollte die Aktenlage kennen und nicht Massnahmen verordnen die über den maximalen Bewilligungszeitraum hinaus gehen. Selbst wenn er sich besser verständigen könnte hätte er nichts bewirken können, denn er kannte die Gesetze nicht, ganz im Gegensatz zum Jobcenter, das sich jetzt in der Ablehnung auf die Gesetze beruft. Danke wir können alle Daumen gebrauchen.
rosenherz - 4. Mrz, 21:48

Dein Freund in seiner Situation, eingepfercht zwischen Gesetzeslage und Wirklichkeit. Wie weit gehen deine Möglichkeiten, ihn jetzt zu unterstützen von deiner Seite aus?

NBerlin - 4. Mrz, 22:53

Ich habe ihn zu einer Sozialberatung geschleppt, übersetze für ihn, schreibe Briefe und Anträge, lese Ratgeber zu den Gesetzen und höre zu. Mehr kann ich auch nicht tun.

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