Donnerstag, 16. August 2018

Der Tod meiner Mutter

Sie wird sterben. Hirnblutungen, irreparabel. Ich werde nach Köln fahren, ich will sie nochmal sehen, mit ihr reden. Sie muss es gewusst haben, sie sprach in letzter Zeit so oft von ihrem Tod. Auch dass sie zum Schluss nochmal ein Gespräch mit ihrer Mutter gesucht hat, fand ich verdächtig. Jetzt wird sie da sterben, wo sie geboren wurde, ich finde auch kein Zufall. Sie wusste es, sie ahnte es, auch wenn kein Arzt irgendwas bei ihr entdeckt hat. Ich wusste es auch, ich hatte so ein schlechtes Gefühl wegen der Reise. Als gestern die erste Nachricht kam, wusste ich es auch, ich wusste ich werde sie verlieren. Immerhin hatten wir Frieden in letzter Zeit. Wir waren harmonisch, haben viel geredet und ihre letzten Worte von ihr an mich waren: Habe dich lieb. Ich werde nie wieder einen Menschen finden, der mich so sehr liebt, wie sie es getan hat. Jetzt bin ich allein auf der Welt, sollte ich je wieder in der Psychiatrie landen, werde ich dort alleine bleiben. Sie hat mich zu einer starken Frau gemacht, ich hoffe stark genug, um das hier zu überstehen. Ihr letzter Weg ging nach Köln und Umgebung zu ihrer Mutter. Mein letzter Weg geht nirgendwo hin. Ich muss ihr sagen, dass ich sie liebe, auch wenn sie eine schlechte Mutter war, ich liebe sie, sie ist die engste Bezugsperson in meinem Leben. Ohne sie bin ich nur halb, wie ein Einbeiniger mit nur einem Arm. Aber ich werde leben, ich weiß, dass sie das will, ich bin ihr einziges leibliches Kind. Ich mache mir Sorgen um meinen Stiefvater, er braucht sie um zu leben. Niemand, der für ihn kocht, bügelt und aufräumt. Keine Ahnung, ob ich einen Teil ihrer Arbeit auffangen kann. Ich habe noch all ihr Essen hier, was mache ich damit? Was machen wir mit ihren Laden, mit ihren ganzen Dingen? Ich habe Angst dass ich mich hier mit ihren Dingen einquartiere und nie wieder glücklich werde. Ich habe Angst allein zu sein, auch wenn ich alt genug bin. Nie wieder Weihnachten mit ihr, morgen hat sie Geburtstag. Ich rauche, ich zittere und überlege ernsthaft meine Dosis hoch zu setzen, ich muss jetzt stark sein, für sie, für mich, für meinen Vater und Bruder. Ich sehe ihr sehr ähnlich, sie wird in mir wohl weiter leben, nur bald wird mein Gesicht ein Unikat sein, das wollte ich immer, aber jetzt nicht mehr. Schaue ich in den Spiegel sehe ich sie. Gerade so verzweifelt gewesen den Krisendienst anzurufen, 25 Minuten Gespräch die ok waren, aber wenig hilfreich. Gestern dachte ich sie ist hier und beobachtet mich. Ihr Geburtstagsgeschenk liegt noch hier, es kam an an dem Tag als sie stürzte. Sie war nur 56 Jahre, kein Alter zum Sterben, die Frauen in meiner Familie werden eigentlich 80 bis 90 Jahre. Damit hatte ich auch gerechnet. Ich hoffe sie wird mich hören und spüren können im Koma, ich hoffe es so sehr.

Schlafen, Freundin, Essen, Heulerei, medizinische Versorgung und tapfer

Schlafen, schlafen, das tut sie gerade auch in einer Tour. Ich hoffe, sie wacht auch auf, wie ich heute Morgen. Der Schlaf ist sicher gut für sie, sie klagte so oft, dass sie nicht schlafen kann. Die beste Freundin hat mir geschrieben, sie ist in dieser Situation für mich da. Ich denke nur sie versteht was das für mich bedeutet, denn auch sie hat eine sehr enge Beziehung zu ihrer ehemalig alleinerziehenden Mutter. Meine Mutter hat mir gestern früh noch geschrieben: Ich möge Würstchen und Äpfel aus ihrem Kühlschrank abholen und mich melden. Das werde ich machen, Lebensmittel zu retten war schon immer ihre Mission, bei ihr wird alles gegessen, was nicht offensichtlich verschimmelt ist. Ich esse seit Tagen ihr Essen, erst den Tsatsiki, auf den sie sich gefreut hatte, dann die Wassermelone, die sie nicht mehr geschafft hat und gestern machte ich sogar Pizza mit frischen Teig, weil sie mir dazu noch Hefe gegeben hatte. Heute wird es wohl Würstchengulasch geben, denn durch sie habe ich reichlich Würstchen und verschrumpelte Paprika. Keine Ahnung wie ich mich gegenüber der Ladenvertretung verhalte, ich werde ihr wohl nichts von meiner Mutter erzählen. Gestern viel geheult, es kam etappenweise, immer wenn ich zu viel nachdachte. Bisher keine Anrufe mit Neuigkeiten, vielleicht Glück im Unglück, dass sie in einem deutschen Krankenhaus liegt. Man kann viel über Deutschland sagen, aber die medizinische Versorgung ist gut. Es ist kein Zufall das viele Menschen für einen Krankenhausaufenthalt nach Deutschland kommen. Ich finde es jedoch gruselig dass sie gerade da im Krankenhaus liegt, wo sie aufgewachsen ist. Die Arbeit ging gestern schnell vorbei und dann kam der Anruf, der alles änderte. Habe etwas Angst ihre Wohnung zu betreten, aber ich werde wohl tapfer sein.

Nadine in Berlin

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